Das schwarze Schaf - Eine Fabel über das befreite Herz

Das schwarze Schaf erblickte das Licht der Welt. Wie seine Geschwister und die anderen jungen Schafe sprang es schon bald umher, tollte und spielte und genoss die Frühlingssonne.

 

Doch eines Tages nahm seine Mutter es beiseite. Sie schob es mit ihrem warmen Körper in eine ruhige Ecke und sprach mit leiser Stimme zu ihm. „Liebes Kind“ begann sie „ich sehe, wie Du Dich des Lebens freust. Aber es gibt etwas, dem Du bisher keine Bedeutung geschenkt hast und das Dir in Deinem Leben begegnen wird. Als Mutter muss ich Dir etwas dazu sagen, um Dir Leid zu ersparen, denn ich habe es bereits zu oft gesehen. Ich habe immer gehofft, dass es nicht eines meiner Kinder treffen wird, denn was geschehen wird,  ist grausam. Irgendwann, wenn ihr etwas größer seid, werden die anderen erkennen, dass Du anders aussiehst als sie. Sie werden ihre Späße über Dich machen, Dich zur Seite drängen und vielleicht sogar angreifen. Wenn es geschieht, dann lass Dir Deinen Schmerz nicht anmerken, denn dann werden sie Dich in Ruhe lassen.“ Sie küsste ihr Kind und sie trotteten zu den anderen zurück. 

 

An diesem Tag war die Kindheit für das schwarze Schäflein vorbei. Überall bemerkte es die Blicke der anderen und es dauerte nicht lange, da steckten sie die Köpfe zusammen, wo immer es ihren Weg kreuzte. Der Sommer verging, dann kam der eisige Winter und mit dem Frühling begann das Jahr von vorne.

 

Die Mutter hatte neue Kinder und das schwarze Schaf war alleine unterwegs. Die Schmähungen blieben aus, denn es hatte sich nahezu unsichtbar gemacht. Es suchte die einsamen Stellen, es verzog keine Miene, wenn es abgedrängt wurde und es sprach kein Wort. Manchmal, wenn eines der Schafe krank war und besondere Kräuter zum Fressen benötigte, wurde es von der Herde zu dem schwarzen Schaf geschickt, denn dort wo es graste, war der Boden mager und wenig nahrhaft, aber es sprossen die heilsamsten Kräuter. Das schwarze Schaf sah sofort, woran ein Schaf litt, das ihm in seine abgelegenen Weidegründe folgte. Ohne etwas zu sagen, lief das schwarze Schaf dann voran und zeigte ihm, wo das Kraut stand, das ihm helfen würde. Danach war es wieder allein.

 

Nach seinem dritten Winter, als die Frühlingssonne wieder einmal den Weidegrund zu erwärmen begann, geschah dem schwarzen Schaf etwas Schreckliches. Es hatte sich der Herde etwas mehr angenähert, als es gewohnt war, um seinen wenig genährten Körper auf einem warmen Fleck zu wärmen. Da geriet es mit dem Vorderlauf in eine Schlinge, die von einem alten Pfosten hing. Je mehr es sich zu befreien suchte, desto mehr verhedderte es sich in der Drahtschlinge, die ihm tief ins Fleisch schnitt. So lag es schließlich gefangen und schämte sich entsetzlich, denn es konnte nicht flüchten, wie es seine Gewohnheit war.

 

Es bemerkte, wie sich ein Schaf aus der Gruppe löste und auf es zukam. Als es direkt vor ihm stand, neigte es den Kopf und das schwarze Schaf schloss die Augen. Es erwartete einen Biss oder einen Tritt, aber das weiße Schaf bleckte die Zähne und begann, behutsam damit an der Schlinge zu ziehen. Die Zeit blieb stehen, während das schwarze Schaf zitternd vor Scham am Boden lag und nicht wusste, wie ihm geschah. Als es wieder aufblickte, sah es in die Augen seines Retters und erkannte den Freund aus seiner fernen Kinderzeit.

 

„Danke“ flüsterte es und wollte wegrennen, doch der Freund stellte sich in den Weg. „Warum läufst Du vor uns davon zu den kargsten Stellen?“ fragte er. „Trotz Deines Winterfells schauen Deine Knochen hervor und Deine Augen haben ihren Glanz verloren. Was haben wir Dir getan, dass Du unsere Gesellschaft um jeden Preis meidest?"

 

Das schwarze Schaf riss die Augen auf „Ihr wolltet mich nicht dabei haben, weil ich anders aussehe als ihr“ brachte es mühsam hervor „ihr habt beisammen gestanden und mich beobachtet und Euch Blicke zugeworfen“. „Das geschah, weil wir uns Sorgen um Dich machten“ entgegnete der Freund „Wir dachten, Du willst nichts mit uns zu tun haben, weil Du anders aussiehst. .. und weil wir Dir zu langweilig sind. Wir haben Dich bewundert für Deine Flinkheit, für Dein seidiges, glänzendes Fell und Deine blitzenden Augen. Wir vermissten Dich, Du warst der, der unsere Spiele spannend und aufregend machte. Doch von einem Tag auf den anderen war das vorbei. Dein Blick wurde hart und abweisend.“

 

Das schwarze Schaf schüttelte sich ungläubig. Ungelenk setzte es Fuß vor Fuß und näherte sich zusammen mit dem Freund der Herde. Bereitwillig machten sie Platz. Für einen Moment dachte das schwarze Schaf, sie scheuten vor ihnen zurück, doch dann sah es in ihre Gesichter. Sie waren offen und voller Interesse. Ein junges Schäflein sprang vor ihnen her.

 

Dort stand auch seine Mutter. Sie war alt geworden, das erste Frühjahr war sie ohne Nachwuchs geblieben. Langsam stakste sie ihm entgegen. „Mein Kind, ich wollte Dich vor Schlimmem behüten...". Ihre Stimme versagte, dann fuhr sie leise fort  "Es tut mir unendlich leid, mein Kind!“

 

Das schwarze Schaf hob den Kopf und blickte die Mutter an. Das erste Mal seit Kindertagen bewegte sich seine Miene, bewegte sich sein Herz. Es wurde leichter und leichter, bis es der Sonne begegnete, mit den Wolken über den Himmel flog und als Regen zurück auf die Erde prasselte. 

 

Die Herde stand dicht beisammen, von ihren Fellen troff der Regen, der die Erde nährte, aus der das saftige grüne Gras spross. 

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