Körperliche Aspekte depressiver Verstimmungen

"Deprimere" stammt aus dem Lateinischen und bedeutet "niederdrücken". Und so fühlt sich eine depressive Verstimmung auch an ... die Kraft, die Begeisterung, der Antrieb, das Fühlen ... alles scheint gedimmt.  Ein Leben in Grautönen. Seelenwinter?  

Gefühle ... die aktuelle "Wetterlage" der Seele

Wenn es uns gut geht und unsere Lebensumstände im Großen und Ganzen passend sind, ist alles im Fluss. Gefühle kommen und gehen, es gibt Sonne und Regen und auch einmal einen Sturm, aber wir wissen, dass nach jeder Regenfront die Sonne wieder hervorblitzt. Das gibt uns die Sicherheit, unser Leben zu gestalten. Auch wenn wir nicht auf alles einen unmittelbaren Einfluss haben, können wir das Leben als überwiegend harmonisch und sicher empfinden. Wir zweifeln nicht daran,  in unserem Leben / Umfeld etwas bewirken zu können. Wir finden Sinn.

 

In depressiven Verstimmungen dagegen verblassen diese inneren Grundempfindungen. Es ist als, ob sich ein Schatten über das Sinnhafte legt und als ob trübe Gefühle und Aussichten die nüchterne Realität seien.

Gefühle finden im Körper statt

Depressionen können multifaktorielle Ursachen haben. Nach heutigem Wissensstand sieht man erbliche, biologische und psychosoziale Aspekte. 

 

"Deprimere" ... niederdrücken ... in Depressionen verändert sich etwas im emotionalen Fühlen und etwas im Körpergefühl.
Aus körperpsychotherapeutischer Sicht können frühere Lebenserfahrungen ebenso wie die aktuelle Lebenssituation hierbei eine wichtige Rolle spielen. 

 

Wenn uns Erlebnisse überfordern, können Gefühle aktiviert werden, die so intensiv sind, dass sie uns zu überwältigen drohen. Aber auch die Summe unangenehmer Erfahrungen oder unerfüllter Bedürfnisse kann mit der Zeit zu einer emotionalen Überforderung führen.  

 

Es kann ein wertvoller Mechanismus sein, sich erst einmal von überfordernden Gefühlen zu distanzieren. Um innerlich die Balance zu halten. Um handlungsfähig zu bleiben. - Ideal wäre es, dann aber ganz bald jemanden zu haben, mit dem wir wirklich offen reden können. Der uns hilft, unsere oft diffusen Gefühle oder Bewertungen zu klären. 

 

Sonst kann es passieren, dass wir auf emotionalem Abstand zum Leben gehen und bleiben. Dass das Leben zu einer Ansammlung von Pflichten wird, die wir erfüllen, ohne darauf zu achten, was uns gut tut. Dass wir Dinge auszuhalten, die uns auf Dauer überfordern - und Veränderungen oder neue Sichtweisen gar nicht mehr in Betracht zu ziehen. Dass wir zu negativen Selbstbewertungen kommen und uns in qualvollen Grübeleien verlieren. Dass wir uns keine Unterstützung holen... obwohl wir alle sie immer wieder einmal brauchen! 

Gefühle haben eine Botschaft und einen natürlichen Fluss

Gefühle sind unser inneres Radarsystem, sie weisen uns auf etwas in unserem Leben hin. Wenn Gefühle gefühlt werden, kommt etwas in uns in Fluss. Sichtweisen können sich erweitern, Standpunkte klarer werden, Perspektiven oder Handlung entstehen. 

  • Angst will uns beschützen, sie fordert uns zu klarer Orientierung auf.  Sie wird kleiner, wenn wir uns erlauben, auch Wut, Abgrenzung, Aggression - und die darin enthaltende Kraft - zu fühlen.  
  • Wenn wir das Gefühl von Wut zulassen, können wir uns für seine Botschaft öffnen und sie übersetzen. Zum Beispiel In Eindeutigkeit, Antrieb, Abgrenzung, unsere Position. 
  • Trauer - wenn wir erkennen, dass sie im Kern Liebe ist, kann sie sich eines Tages wandeln - in Dankbarkeit für die Liebe und das Schöne, das erlebt werden durfte.  Das ermöglicht es, uns dem Leben wieder wirklich zu öffnen. *)

Wenn uns etwas aus der Balance bringt, tut es gut, Beistand zu bekommen. Keine Rat-"Schläge", sondern zuverlässigen Halt, Raum für unsere Gefühle und Unterstützung für neue Perspektiven.  Wenn wir Glück haben, finden wir das bei richtig guten Freunden. 


Wenn Gefühle ins Stocken kommen - Anspannung - Enge - Druck ...

Wenn wir aber - vielleicht sogar schon früh - unsere Gefühle nicht so wichtig nehmen durften, kann sich einiges gestaut haben. Wir können eine Menge "alten"  Schmerz in uns tragen, den wir niemandem zumuten wollen. Aber auch in aktuell belastenden Situationen können uns unsere Gefühle unangebracht oder riskant erscheinen. Wir beginnen, uns zu kontrollieren.

 

Wir halten Gefühle zurück, unterdrücken unsere Impulse. Da Gefühle im Körper stattfinden, wird diese Zurückhaltung oft ganz direkt spürbar: als Muskelverspannungen, als Enge, als Schmerz, als Druck. Dauerkontraktion kostet Kraft. Unter diesem Festhalten liegt kann das genaue Gegenteil liegen: eine Unruhe, die z.B. mit Schlafstörungen einhergehen kann. Das schränkt die körperliche und seelische Erholungsfähigkeit ein, Erschöpfung droht.

 

Oft reagieren wir auch über die Atmung. Wir halten die Luft an oder wir atmen flach. Da dämpft Gefühle. Und raubt eine Menge Energie.

 

Und noch etwas Kostbares kommt bei all dem zu kurz:  die Freude. Denn wenn wir die Wahrnehmung von Gefühlen dämpfen, dämpfen wir nicht nur die unangenehmen Gefühle. Es ist eher, als ob wir Farbe aus dem Bild unseres Fernsehers nehmen. Nicht nur eine, sondern gleich ein ganzes Spektrum an Farben (Gefühlen) fehlt. Lebensfreude, Begeisterung, Schaffensdrang, nährende Beziehungen aber entstehen auf der Basis von Gefühlen ...

 

Anbei ein interessanter Link: eine  "Karte der Gefühle". Die finnische Universität Aalto stellt hier die Ergebnisse einer Forschung mit rund 700 Probanden zu ihrer Gefühlswahrnehmung im Körper dar,  u.a. auch zur Depression.

 

Seele und Körper - Körper und Seele

Was die Seele verdrängt, trägt der Körper. Wenn der Körper belastet ist, fühlt sich die Seele nicht wohl. Für mich gibt es zwei gleichberechtigte Ansatzpunkte der Entlastung: Körper und Seele.  Deshalb arbeite ich bei depressiven Verstimmungen mit der biodynamischen Körperpsychotherapie.  


*) Es kann auch eine schwer zu greifende, eher diffuse Trauer geben: die Trauer über etwas, von dem wir zu wenig bekommen haben: Geborgenheit - Liebe - Urvertrauen. Im Rahmen der biodynamischen Körperpsychotherapie gibt es haltende Erfahrungen für Körper und Seele, die hier sehr gut tun können.

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