Tiefe Vergebung geschieht, wenn alles gefühlt ist

Groll und Zorn bringen niemanden weiter. Die Welt ist voller Krieg. Es scheint, als ob verletzte Kinder miteinander kämpfen. Müssen wir lernen, zu vergeben? Wie geht Vergebung? 

 

Es gibt die Ansicht, dass Vergebung dann entsteht, wenn wir die Perspektive wechseln. Wenn wir verstehen, dass der andere Mensch nicht in der Lage war, anders zu handeln. Weil er seine Verletzungen hatte, seinen Schmerz, seine Begrenzungen. Tatsächlich ... wenn wir genau hinschauen (wollen), können wir fast alles verstehen. Und damit vergeben?  

 

Manchmal braucht Vergebung Zeit. Die Zeit, die es braucht, die eigenen Wunden zu fühlen. 

 

Wenn wir vergeben, ohne unsere eigene Verletzung wirklich gefühlt zu haben, geschieht etwas mit uns: wir entfernen uns von uns selbst. Wir spüren unseren Schmerz nicht, unsere Verständnislosigkeit, unsere Empörung, unsere Wut.

 

Wir schlüpfen in die Rolle des Alles-Verstehenden, des Friedfertigen. Tatsächlich scheint uns das ein Stück Frieden zu schenken. 

Doch - wenn wir genau hinspüren, macht es etwas mit uns. Es macht uns eng. Denn da nun gibt es einen Teil in uns, der sich verraten fühlt. Von uns selbst ...   

"Deine Gefühle haben keine Bedeutung"

Das ist die Botschaft, die wir dem verletzten Teil in uns selbst schicken. Eine Botschaft, die wir oft schon als Kind gehört haben, wenn es Momente gab, die uns überforderten, verletzten oder ängstigten. Situationen, die denen niemand unsere Gefühle sah oder wir nicht wagten, sie zu zeigen.

 

Warum aber setzen wir das als Erwachsene fort? Mit uns selbst?  

 

Weil uns das Verzeihen wichtig ist? Um die Welt zu bewahren vor Groll, Unfrieden und Unversöhnlichkeit? 

 

Oder vielleicht auch, um unserem Schmerz und unserer Ohnmacht ein Gefühl der Stärke gegenüberzusetzen? Ein Gefühl, das uns den eigenen Schmerz nicht mehr fühlen lässt? So gründlich, dass wir uns selbst und unsere eigenen Bedürfnisse nach und nach vergessen? Und uns in der Rolle der "alles Verstehenden" vom Leben entfernen? 

Die Achtung Deiner verletzten Anteile befreit Dein Leben

Du hast Deinen Schmerz schon gefühlt?  Dir selbst Anteilnahme gegeben? Dich selbst gehalten, getröstet, verstanden? Du hast gelernt, liebevoll und achtsam mit Dir umzugehen? Ist das so?

Oder treibt Dich etwas in Deinem Leben?

Zu beruflichen Höchstleistungen? Zu ständiger Selbstoptimierung? 

Durchzuhalten, auch wenn Du Dich immer weniger spürst?

Dich zu betäuben? 
Fühlst Du Groll? Wut? 

Verlässt Du Dich manchmal selbst, um Illusionen nicht zusammenbrechen zu lassen? 

Vergebung geschieht ... wenn alles gefühlt ist

Was, wenn an der Wurzel des Schmerzes etwas läge, das etwas in Dir heil machen könnte? 

 

Ein Teil, der zu Dir gehört. Ein Teil, dessen Schmerz nicht gehört wurde und der voller ungehörter Bedürfnisse ist -  die in Deinem Erwachsenenleben nur Du selbst Dir erfüllen kannst. 

 

Durch ein ruhiges, klares Eintreten für Dich selbst. Durch Deine  Selbstliebe, Deine Selbstachtung, Deinen tief empfundenen Wert.

 

Und damit ... Deine Lebendigkeit, Deine Berührbarkeit, Deine Präsenz, das reiche Spektrum Deiner Gefühle, Deine  Liebesfähigkeit.

 

Tiefe Vergebung geschieht von allein ... wenn alles gefühlt ist. 


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