Unangenehme Gefühle loswerden?

Keine Frage: unangenehme Gefühle machen keinen Spass. Verständlich, sie loswerden zu wollen. 

Aber warum haben wir sie überhaupt?

Aus meiner Sicht gibt es nur zwei Ursachen für unangenehme Gefühle:

  • irgendetwas passt nicht für uns  ->  Gegenwart 
  • irgend etwas erinnert uns (unbewusst) an etwas, das nicht für uns passte  -> Vergangenheit

Aktuelle und "alte" Gefühle auseinanderzuhalten ist nicht immer einfach. Vielleicht ein Grund dafür, dass viele Menschen ihren Gefühlen gegenüber misstrauisch geworden sind?  ...  "Wo kämen wir hin, wenn jeder seine Gefühle wichtig nähme?"  

Wo kommen wir eigentlich hin, wenn wir unsere Gefühle NICHT wichtig nehmen?

Wenn wir versuchen, bestimmte Gefühle einfach "loszuwerden"?

Grundsätzlich sind Gefühle wertvolle Navigatoren. Schon als Baby spürten wir, was sich gut anfühlte und was nicht.  Hunger, Kälte, Alleinsein waren unmittelbare Auslöser für unangenehme Gefühle. Und ebenso unmittelbar kamen sie zum Ausdruck:  wir weinten und strampelten und je länger es dauerte, desto lauter wurden wir. Bis (hoffentlich bald)  jemand kam, der die Situation veränderte. Und schon kam unser Lächeln zurück.

 

Was wäre passiert, wenn man uns immer und immer wieder ignoriert hätte? 

Irgendwann wären wir verstummt ...

 Wir wären verstummt, weil man uns nicht beachtet hätte. Wir hätten resigniert, aber tief in uns selbst wäre etwas sehr sehr traurig geworden. Oder wütend. Oder ängstlich.

Und tatsächlich gehen wir genau so oft mit unseren inneren Anteilen um. 
 

Mit dem Anteil, der fühlt, dass er Ruhe bräuchte, aber sich nicht traut, das zu sagen, weil ... 

Mit dem Anteil, der fühlt, dass er Nähe bräuchte. Aber schweigt, weil ...

Mit dem Anteil, der fühlt, dass er Unterstützung bräuchte. Aber die Zähne zusammenbeißt, weil ...

Mit dem Anteil, der fühlt, dass er Anerkennung bräuchte. Und sich immer mehr auflädt, weil ...

Mit dem Anteil, der fühlt, dass er wütend ist, aber nicht weiß, wohin damit, weil ...

Mit dem Anteil, der fühlt, dass er Anteilnahme bräuchte, aber sich zurückzieht, weil ... 

 

Wir tun das nicht ohne Grund.  Und es lohnt sich, unser ganz persönliches "weil" zu betrachten.

 

Denn es könnte Platzhalter zu sein für eine schmerzliche Erfahrung, die wir einmal gemacht haben. Eine Erfahrung, die im Unterbewusstsein weiter wirkt und uns wirklich wichtige Dinge verpassen lässt. So lange, bis wir diese Erfahrung "auspacken" und genau da fühlen, wo sie entstand. Dann wird die Vergangenheit irgendwann zur Vergangenheit. Und die Gegenwart wird frei.

 

Dieser Prozess kann eine Zeitlang richtig weh tun. Und manchmal Begleitung erfordern ... Wenn wir der Zugang zu den tieferen Ebenen nicht finden. Oder wenn sich die Gefühle bodenlos anfühlen. Denn im Bodenlosen gibt es nichts Neues zu finden. DAHINTER liegen die neuen, freien Gefühle.

 

Und auch eine ganz neue Art der Selbstfürsorge, nämlich:

Die Wertschätzung unserer Gefühle

Die uns etwas zu sagen haben ... über uns selbst. Die darauf warten, dass wir sie hören. Dass wir sie ernst nehmen. Und dass wir schauen, was es an dieser Stelle für uns braucht. 

 

Das bedeutet, Verantwortung für uns selbst zu übernehmen. Immer besser zu unterscheiden zwischen alten und neuen Gefühlen. Und damit Orientierung zu gewinnen. Auf diesem Weg werden wir für uns selbst und andere  in unserer Identität spürbar. Klarere, tiefere und vertrauensvollere Beziehungen werden möglich.

 

Seine Gefühle zu (be)achten ist also alles andere als Egoismus. Es bedeutet, Mut zur inneren Klarheit zu entwickeln. Herauszufinden, was uns im Leben wirklich wichtig ist. Aber auch, was uns nicht gut tut. Wenn wir das spüren, kann manch kraftraubender Umweg vermieden werden.

 

Gefühle gestalten die Welt. Entweder bewusst ... oder unbewusst. Wir haben die Wahl. 

 

 

Tu zuerst das Notwendige, dann das Mögliche und plötzlich schaffst Du das Unmögliche.

(Franz von Assisi)


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